Chronische Nierenkrankheiten (CKD) werden oft erst dann wahrgenommen, wenn eine Dialyse oder Transplantation nötig wird. Doch der Weg dorthin beginnt meist viel früher – mit einer schleichenden Verschlechterung der Nierenfunktion über Jahre hinweg. Genau hier setzt die im Oktober 2025 prämierte Studie von Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna und Dr. Edgar Steiger an: Sie untersucht, wie gut Patient:innen mit dem fortgeschrittenen CKD Stadium 4 in Deutschland aktuell versorgt werden, da eine frühzeitige fachärztliche Betreuung und regelmäßige Untersuchung der Nierenwerte entscheidend sein können, um eine Dialyse zu vermeiden. 

Ziel der Forschung ist es, die Prävention zu stärken und die Versorgungslücken zu schließen – bevor es zu spät ist. 

 

Ausgezeichnete Forschung für bessere Versorgung 

Für ihre Forschungsarbeit wurden Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna, Nephrologe am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel, und Dr. Edgar Steiger vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) mit dem Forschungspreis der Deutschen Nierenstiftung ausgezeichnet. Die Ehrung fand im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie statt. Die prämierte Studie wurde im Oktober 2024 im Fachjournal The Lancet Regional Health – Europe veröffentlicht und ist mit 5.000 Euro dotiert. 

 

Warum CKD im  Stadium 4 besondere Aufmerksamkeit braucht  

Chronische Nierenkrankheit im Stadium 4 erfordert besondere Aufmerksamkeit, da die Nierenfunktion stark eingeschränkt ist und eine Vorbereitung auf Dialyse oder Transplantation sowie die Vermeidung schwerer Komplikationen notwendig wird. 

Im Zentrum der Studie steht die Frage, wie Menschen mit CKD Stadium 4 in Deutschland versorgt werden – und ob sie überhaupt Zugang zu nephrologischer Betreuung erhalten. Die Forscher analysierten hierfür die ambulanten Abrechnungsdaten der gesetzlich Versicherten, die rund 90 Prozent der Bevölkerung abdecken. Dabei identifizierten sie gezielt Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Nierenkrankheit und untersuchten, ob diese im Jahr 2022 Kontakt zu einer nephrologischen Fachpraxis hatten und regelmäßig labordiagnostisch überwacht wurden. 

 

 Jeder Dritte Betroffene wird nicht speziell betreut 

Nach strengen Filterkriterien wurden etwa 210.000 Personen mit CKD Stadium 4 in Deutschland identifiziert. Doch die tatsächliche Zahl dürfte etwa doppelt so hoch liegen, da etwa die Hälfte der Betroffenen in diesem Stadium der Erkrankung nicht diagnostiziert ist. Die Forscher schätzen die Gesamtzahl daher auf rund 400.000 bis 450.000 Menschen. 

„Die Daten geben uns einen sehr realistischen Einblick in die Versorgungslage“, erklärt Dr. Edgar Steiger. „Wir konnten so nicht nur Versorgungslücken sichtbar machen, sondern auch erkennen, welche Gruppen besonders gefährdet sind, durch das Raster zu fallen.“ 

Die Ergebnisse sind eindeutig: Zwar hatten rund 65 Prozent der Betroffenen einen nephrologischen Facharztkontakt, doch das bedeutet im Umkehrschluss, dass mehr als ein Drittel ohne spezialisierte Betreuung blieb. Besonders auffällig war, dass demografische Merkmale wie hohes Alter, weibliches Geschlecht und ein Pflegeheimstatus mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für nephrologische Versorgung verbunden waren. Regionale Unterschiede – etwa zwischen städtischen und ländlichen Gebieten – spielten hingegen kaum eine Rolle. 

 

Betroffene können selbst aktiv werden 

Insbesondere Menschen mit Risikofaktoren wie Diabetes oder Bluthochdruck sollten regelmäßig ihre Nierenwerte kontrollieren lassen und frühzeitig das Gespräch mit ihrer Hausärztin oder ihrem Hausarzt suchen. Welche Diagnostik genau erforderlich ist und ob eine nephrologische Vorstellung benötigt wird, kann am besten hausärztlich anhand der neuen, differenzierten deutschen Leitlinien entschieden werden.  

„Wir müssen die Menschen befähigen, ihre Nierengesundheit ernst zu nehmen“, betont Dr. von Samson-Himmelstjerna. „Das beginnt mit Wissen – und mit dem Mut, Fragen zu stellen.“  

Wenn Risikofaktoren vorliegen, sollten folgende Werte überprüft werden:  

Die eGFR misst die Nierenfunktion anhand des Serumkreatinins unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht, während die UACR die Nierenschädigung über das Albumin-Kreatinin-Verhältnis im Urin erfasst – beide Werte sind entscheidend für die Stadienbestimmung einer chronischen Nierenkrankheit. 

 

Gemeinsam für bessere Nierengesundheit 

Eine enge Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten ist entscheidend, um die Versorgungslücken zu schließen. 

„Die Studie war für uns ein wichtiger Ausgangspunkt, um die aktuelle Versorgungssituation zu analysieren“, sagt Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna. „Gemeinsam mit dem ZI wollen wir nun konkrete Projekte entwickeln – im Schulterschluss mit Hausärztinnen, Hausärzten und Nephrolog:innen. Ziel ist es, die Versorgung von Nierenpatient:innen nachhaltig zu sichern und auf Basis weiterer Forschung fundierte, zukunftsgerichtete Forderungen zu formulieren.“ 

Auch gesundheitspolitisch ergeben sich aus der Studie klare Forderungen. Die chronische Nierenkrankheit sollte als Volkskrankheit anerkannt werden, um mehr Aufmerksamkeit und Ressourcen für Prävention und Versorgung zu mobilisieren. Es braucht gezielte Programme zur Früherkennung, eine Reform der Vergütungsstruktur für nephrologische Sprechstunden und eine stärkere Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung. Dr. von Samson-Himmelstjerna bringt es auf den Punkt: „Die Versorgung muss attraktiver und zugänglicher werden – für Patient:innen und für Ärzt:innen. Nur so können wir die Nierengesundheit langfristig sichern.“ 

 

Einordnung und Ausblick
Das kürzlich veröffentlichte Impulspapier der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) vom 23. September 2025 unterstreicht zentrale Herausforderungen und Handlungsbedarfe in der Versorgung nephrologischer Patient:innen: 2025-09-23_DGFN-Impulspapier.pdf 

 

Zum Hintergrund: CKD, die unbekannte Volkskrankheit 

Chronische Nierenkrankheiten verlaufen oft schleichend – und werden erst ernst genommen, wenn eine Dialyse oder Transplantation notwendig wird. Doch die entscheidenden Weichen werden viel früher gestellt: Im Stadium 4 ist die Nierenfunktion bereits deutlich eingeschränkt, aber noch beeinflussbar. Wer rechtzeitig handelt, kann nicht nur die Dialyse hinauszögern, sondern auch die Ressourcen des Gesundheitssystems entlasten.  

 

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